Von „Wir“ zu „Ich“

Mit 18 Jahren wechselten Tamar und Fabienne Dongus zu 1899 Hoffenheim und begannen ein duales Studium bei der Volksbank. Jetzt trennen sich die Wege der Zwillinge erstmals.

Gerald Barth mit den Dongus-Zwillingen.
Gerald Barth mit den Dongus-Zwillingen.

Herr Barth, wann haben Sie die Dongus-Zwillinge kennengelernt?

Barth: Im August 2013, bei ihrem Vorstellungsgespräch. Vorher haben Sie in Sindelfingen gespielt, mit dem Wechsel nach Hoffenheim kam über Anpfiff ins Leben die Anfrage, ob wir uns vorstellen können, zwei hoffungsvollen jungen Fußballerinnen eine Ausbildungsmöglichkeit zu geben.

 

Wolltet ihr also auch im Berufsleben unbedingt zusammenbleiben?

Tamar: Uns ging es nach dem Abitur ähnlich: Wir wussten beide nicht, was wir machen wollten. Per Zufall bin ich auf das Studium an der DHBW gestoßen. Die Anforderungen und die anschließenden Berufswege haben uns beiden gefallen. Wir sind uns wohl doch ähnlich... Dass wir dann beide bei der Volksbank gelandet sind, war eher Zufall als Absicht. Aber wir haben es dankend angenommen, dass wir uns nicht trennen mussten.

 

Studium und Profisport zusätzlich zum Beruf. Haben Sie sich das als Ausbilder wirklich gut überlegt?

Barth: Wir wussten, dass sie durch ihre sportlichen Aktivitäten andere Herausforderungen für uns mitbringen: Urlaubsplanung, Auswärtsspiele, Abstimmung von Trainingseinheiten. Wir hatten zwar dank einiger Sinsheimer Volleyballer schon Erfahrung mit Leistungssportlern, aber durch das Studium war es noch einmal eine andere Voraussetzung. Deswegen war es für mich als Ansprechpartner wichtig, dass hinter den beiden mit Anpfiff ins Leben ein Partner steht, dem der Dreiklang zwischen sportlicher Karriere, beruflicher Ausbildung und der Förderung sozialer Kompetenzen wichtig ist.

 

Warum lohnt es trotzdem, sich auf diese Herausforderung einzulassen?
Barth: Wir wussten: wenn die Dongis es ernst meinen, dann sind sie sehr belastbar. Mich wundert es immer wieder, wie sie das zusammenbringen. Aber sie sind gut strukturiert und nutzen ihre Zeit ganz bewusst. Neben Sport und Studium sind sie so sukzessive zu vollwertigen Arbeitskräften geworden.

 

Wie meistert ihr denn die zusätzliche Belastung?

Tamar: Für mich ist es keine zusätzliche Belastung. Man sollte es getrennt voneinander sehen. Es bringt auch einen gewissen Ausgleich. Eine Niederlage kann ich schneller abhaken, weil der Fokus am Montag beim Beruf liegt.

Barth: Der Übergang war nicht immer ganz so hart, wie Tamar es beschreibt. Montagsmorgens haben wir auch schon heftig über Fußball diskutiert. (alle lachen)

Fabienne: Der Persönlichkeit tut es sicher gut, auch mal andere Gesichter zu sehen, nicht nur die Mannschaft. Ich fand es erfrischend, an der Uni mit Menschen zu studieren, die gar keine Verbindung zum Fußball haben.

 

Also hat das duale Studium euch als Menschen verändert?

Fabienne: Ich bin auf jeden Fall eigenständiger geworden. Wir haben getrennt studiert, also haben sich die anderen gewundert, dass ich ständig „wir“ statt „ich“ gesagt habe. Erstmals hatte ich einen eigenen Freundeskreis, der mich unabhängig von Tamar wahrgenommen hat. Auch im Beruf habe ich gelernt, mich durchzusetzen und meinen eigenen Standpunkt zu vertreten.

 

Barth: Es war uns wichtig, dass sie unterschiedliche Schwerpunkte haben. Eine individuelle Förderung ist bei Zwillingen zwar eine große Herausforderung, aber es war schön zu sehen, wie beide ihre eigene Persönlichkeit entwickeln. Deswegen finde ich es gut, dass sie jetzt unterschiedliche Wege gehen. Auch wenn uns der Abschied sehr schwer gefallen ist.

 

Warum trennen sich eure beruflichen Wege jetzt?

Tamar: Mich interessiert soziale Arbeit, deswegen habe ich nach einer Möglichkeit in diesem Bereich gesucht. Es ging dann alles ganz schnell und jetzt mache ich einen Bundesfreiwilligendienst in der Lebenshilfe Wiesloch.

Fabienne: Ich konnte mich hier nicht losreißen. Die Volksbank war ein richtiger Glücksgriff. Aber seit Oktober studiere ich nebenher Wirtschaftspädagogik. Mir macht es Spaß, mit jungen Menschen zu arbeiten, deswegen möchte ich vielleicht einmal Berufsschullehrerin werden. Ein Jahr hatte ich ein humanes Leben mit 40% Arbeiten und Fußball, jetzt kämpfe ich mich doch wieder durch. (lacht)

 

Müsst ihr bei eurer Berufsplanung denn ständig die Möglichkeit eines Vereinswechsels berücksichtigen?

Fabienne: Für mich persönlich ist Hoffenheim eine sehr gute Adresse, auch das Drumherum. Hier fühle ich mich wohl. Deswegen würde ich den Verein nicht leichtfertig verlassen. Dazu fühle ich auch meinem Beruf gegenüber eine Verpflichtung. Fußball ist zwar meine Leidenschaft, steht aber auch nicht über allem. Das große Geld werde ich nicht verdienen und ich möchte nicht mit 30 aufhören und dann einen Job machen, der mir keinen Spaß macht.

 

Es klingt, als hätten Sie wirklich Einfluss auf die beiden genommen.

Barth: Fußball ist zwar immer noch ihre Nummer eins, aber die anderen Lebensbereiche haben aufgeholt. Deswegen ist es für mich eine echte Erfolgsgeschichte, trotz der Bedenken im Vorfeld. Sie haben sich sportlich durchgesetzt, was nicht zu erwarten war, und eine tolle Entwicklung im Beruflichen und Persönlichen genommen. Nach viereinhalb Jahren bin ich wirklich stolz, dass wir bei der Volksbank etwas zu dieser Entwicklung beitragen konnten.